Zwölf Energiewende-Unternehmen, darunter 1KOMMA5°, Enpal, Octopus Energy, Tibber und Lichtblick, haben im Oktober ein gemeinsames Positionspapier vorgelegt. Ihre Idee: ein „virtueller Netzbetreiber“, der Mieterstrom, Energy Sharing oder Speicher am Strommarkt endlich bundesweit einheitlich möglich machen soll. Holger Laudeley hat dazu eine klare Meinung: viel zu kompliziert.
Das Problem: rund 860 Netzbetreiber, rund 860 Wege
Mieterstrom im Mehrfamilienhaus, Strom mit den Nachbarn teilen, den Heimspeicher am Strommarkt einsetzen, das E-Auto als Speicher nutzen: Jedes dieser Modelle muss heute mit dem jeweils zuständigen Verteilnetzbetreiber abgestimmt werden. Davon gibt es in Deutschland rund 860, jeder mit eigenen Abläufen und eigener IT.
Die Unternehmen sprechen von einer „Komplexitätsfalle“. Neue Angebote kommen nur im Tempo des langsamsten Netzbetreibers voran. Die Antwort der Politik sei bisher immer dieselbe gewesen: mehr Regeln, mehr Prozessbeschreibungen, mehr Prüfvorgaben.
Die Idee: ein Netz, das nur auf dem Papier existiert
Ein Dienstleister soll ein eigenes, rein virtuelles Abrechnungsgebiet betreiben. Auf Wunsch des Kunden oder des Netzbetreibers übernimmt er alles, was hinter dem Hausanschluss an Strommengen zuzuordnen und abzurechnen ist, bundesweit über dieselben Schnittstellen. Kabel, Trafos und die Steuerung des Netzes bleiben beim echten Netzbetreiber.
Für den Netzbetreiber wäre jedes Haus dann nur noch ein standardisierter Übergabepunkt. Vorbild ist die Elektromobilität: Bei der Ausschreibung für das Schnellladenetz für E-Lkw gibt es dieses Modell als „Durchleitungsmodell“ bereits.
Laudeley: „Das versteht der normale Bürger überhaupt nicht mehr“
Holger Laudeley teilt die Diagnose, aber nicht die Therapie. Eine weitere Ebene über dem ohnehin unübersichtlichen System macht es aus seiner Sicht nicht besser:
„Das versteht der normale Bürger überhaupt nicht mehr. Das verstehen ja schon die Netzbetreiber selber nicht mehr.“
Holger Laudeley
Sein Gegenmodell: Der Zähler läuft rückwärts
„Warum machen wir es nicht ganz einfach? Intelligentes Netmetering mit vereinfachten elektronischen Zählern und Anbindung an EEBus. Jetzt kann der Netzbetreiber steuern und der Zähler dreht sich vorwärts oder rückwärts. So machen es die Amerikaner. Völlig problemlos. Aber bei uns muss alles kompliziert sein.“
Holger Laudeley
Netmetering heißt: Eingespeister und bezogener Strom werden miteinander verrechnet. Wer mittags mehr Solarstrom ins Netz gibt, als er verbraucht, lässt den Zähler rückwärts laufen und holt sich den Strom abends wieder. EEBus ist ein Kommunikationsstandard, über den Wallboxen, Wärmepumpen und Speicher mit dem Energiemanagement und dem Netzbetreiber sprechen können. So bliebe das Netz steuerbar, ohne dass jede Anlage eigene Abrechnungsprozesse braucht.
Ein Blick in die USA
In vielen US-Bundesstaaten ist Netmetering seit Jahren üblich. Ganz ohne Streit läuft es dort allerdings nicht: Kalifornien, der größte Solarmarkt der USA, hat das Modell 2023 durch eine Abrechnung ersetzt, die eingespeisten Strom deutlich geringer vergütet. Ein Gericht hat das im März 2026 bestätigt. Begründung: Sonst zahlten Haushalte ohne Solaranlage die Netzkosten der anderen mit.
In Deutschland werden Einspeisung und Bezug getrennt gemessen und abgerechnet, Netmetering würde hier eine grundlegende Reform verlangen. Laudeleys Kernpunkt bleibt trotzdem: einfache Regeln und steuerbare Anlagen statt immer neuer Prozessebenen.
„Wie ein Flohzirkus“
Bei der Zersplitterung sind sich Laudeley und die Autoren des Papiers einig. Nur die Schlussfolgerung ist eine andere: Die Unternehmen wollen die Vielfalt mit einer einheitlichen Schicht darüber bändigen. Laudeley hält das für aussichtslos:
„Allein 866 Netzbetreiber ist wie ein Flohzirkus. Bekommt man nicht in den Griff. Völlig aussichtslos!“
Holger Laudeley
Mit den Netzbetreibern geht Laudeley nicht zum ersten Mal hart ins Gericht. Schon im Streit zwischen 1KOMMA5°-Chef Philipp Schröder und E.ON hatte er sich klar positioniert: Schröder gegen E.ON: Holger Laudeley sieht es genauso.
Unser Rat
Ob virtueller Netzbetreiber oder Netmetering: Die große Reform lässt auf sich warten. Wer nicht warten will, macht sich unabhängig, so gut es geht: möglichst viel Solarstrom selbst verbrauchen, mit Speicher und Energiemanagement, und Wärmepumpe oder Wallbox steuerbar anschließen.
Laudeley Betriebstechnik berät zu PV-Anlagen, Speichern und Eigenverbrauch: 04292 / 810 340 oder catharina@laudeley.de.
Quelle: Positionspapier „Das virtuelle Netz: Eine einheitliche Schnittstelle zu 860 Verteilnetzbetreibern bundesweit“, Oktober 2026. Unterzeichner: 1KOMMA5°, BürgerEnergie Nord, Cloover, decarbon1ze, Enpal, GP Joule, Green Planet Energy, Lichtblick, Octopus Energy Germany, rabot energy, thermondo, Tibber.