Philipp Schröder geht derzeit hart mit E.ON ins Gericht. Der Chef des Energieunternehmens 1KOMMA5° und CDU-Mitglied wirft Europas größtem Netzbetreiber im ntv-Podcast Klimalabor vor, das Stromnetz dumm halten zu wollen, um die eigene Rendite zu sichern. Cleanthinking.de hat das Gespräch ausgewertet.
Wie sieht das Holger Laudeley, der seit Jahrzehnten mit Netzbetreibern um jede Solaranlage ringt? Teilt er Schröders Kritik, oder sieht er die Netzbetreiber milder?
Schröders Vorwurf: Das Geschäftsmodell heißt Kupfer
Schröders Argumentation ist einfach. Netzbetreiber verdienen an jedem Meter Kabel, den sie verlegen. Die Kosten fließen über die Netzentgelte in den Strompreis, den alle Kunden zahlen, und darauf gibt es eine gesetzlich abgesicherte Rendite.
„Die wird immer höher, desto mehr Kupfer ich verlege“, sagt Schröder. Ob das Netz klug genutzt wird, spiele für die Rendite keine Rolle. In manchen Regionen liegen die Netzentgelte laut Schröder schon bei über 20 Cent pro Kilowattstunde.
Das ISDN der Energiewende
Was fehlt, ist ein intelligentes Netz: Smart Meter, dynamische Netzentgelte und steuerbare Geräte wie Wärmepumpen und Wallboxen. All das verzögere sich, nach Schröders Darstellung auch auf Druck von E.ON.
Er vergleicht das mit der Telekom, die einst am Kupfer festhielt und ISDN verkaufte, während andere Länder Glasfaser verlegten. „Das Gleiche passiert jetzt auf der Stromnetzebene.“
Die Solaranlage als Sündenbock
Statt die Netze klug zu machen, werde die Schuld umgedeutet, kritisiert Schröder: „Man hat sich darauf geeinigt, die Solaranlage ist natürlich an allem schuld. Was kompletter Nonsens ist. Man hat nur dumme Netze.“
Seine Gegenidee: Wenn viel Sonne scheint oder im Norden viel Wind weht, sollen Wärmepumpen, E-Autos und Speicher den günstigen Strom aufnehmen, statt ihn abzuregeln.
Markt statt Planwirtschaft
In den USA können Netzkunden sogar Geld verdienen, wenn sie ihre Anschlussleistung zu bestimmten Zeiten freigeben. „Das ist ein Marktmodell. Wir machen Planwirtschaft“, sagt Schröder.
Netzbetreiber sollen nach seiner Vorstellung künftig an Intelligenz verdienen dürfen, nicht nur an Kupfer.
Holger Laudeley: „Genau meine Wellenlänge“
Eine mildere Sicht hat Holger Laudeley nicht. Im Gegenteil: Schröders Analyse sei „genau meine Wellenlänge und Meinung“ und treffe den Kern der Sache.
Wie die Haltung mancher Netzbetreiber in der Praxis aussieht, hat der Erfinder der Balkonkraftwerke selbst erlebt. Ein Netzbetreiber sagte ihm nach Laudeleys Schilderung:
„Wir wollen keine Millionen Betreiber von Erzeugungsanlagen. Die müssen alle weg. Wir wollen nur zwei Hände voll Erzeuger. Damit kann man reden und verhandeln. Aber nicht mit Millionen von Erzeugern.“
Ein Netzbetreiber gegenüber Holger Laudeley
Die Planwirtschaft der ewig Gestrigen
Für Laudeley ist das genau das Muster, das Schröder beschreibt: Wenige große Erzeuger sind bequem und berechenbar, Millionen Bürger mit Solaranlage, Speicher und Balkonkraftwerk dagegen nicht.
Sein Kommentar:
„Es grüßt die Planwirtschaft der ewig Gestrigen, die nur auf Geld und Macht aus sind.“
Holger Laudeley
Die 50-Prozent-Regel
Wie weit der Widerstand gegen dezentrale Erzeugung reicht, zeigt die geplante Wirkleistungsbegrenzung. Nach dem Entwurf der EEG-Novelle sollen neue Solaranlagen unter 100 Kilowatt dauerhaft nur noch 50 Prozent ihrer installierten Leistung ins Netz einspeisen. Betroffen wären laut Schröder auch Heimspeicher und E-Autos, die Strom zurückgeben können.
„Wenn ich nicht nur die Netze dumm halte, sondern on top die Assets künstlich aus dem Markt halte, dann ist es einfach nur noch Sabotage“, sagt Schröder. Er rechnet damit, dass die Regel „krachend“ aus dem Gesetz fliegt. Auch Solarbranche und Autoindustrie stellen sich dagegen.
Wie es weitergeht
Das Kabinett hat die EEG-Novelle Ende Juli beschlossen, Ende September war die erste Lesung im Bundestag. Nach bisherigem Zeitplan sollen EEG-Novelle und Netzpaket noch im Oktober verabschiedet werden.
Weil Union und SPD in wichtigen Punkten weit auseinanderliegen, rechnet der Bundesverband Erneuerbare Energie mit einer Verschiebung. Der Bundesrat wäre dann erst am 20. November an der Reihe. Die neuen Regeln sollen am 1. Januar 2027 in Kraft treten.
Unser Rat
Noch ist nichts entschieden, und der Widerstand gegen die 50-Prozent-Regel ist breit. Wer eine PV-Anlage, einen Speicher oder ein Balkonkraftwerk plant, sollte sich jetzt beraten lassen, welche Regeln für seine Anlage gelten.
Unabhängig vom Gesetz gilt: Jede Kilowattstunde, die im eigenen Haus verbraucht wird, macht unabhängiger von Netzbetreibern und Strompreisen. Laudeley Betriebstechnik berät zu PV-Anlagen, Speichern und Eigenverbrauch: 04292 / 810 340 oder catharina@laudeley.de.
Aufmacherfoto: Philipp Schröder, Mitgründer und CEO von 1KOMMA5°. Foto: Christoph Neumann, übernommen von Cleanthinking.de.