Von der Vision zur energieautarken Realität: Das Mehrfamilienhaus Wellbrock

Martin Jendrischik
Referenz Mehrfamilienhaus Wellbrock
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Wolfgang Wellbrock, ein erfolgreicher Honda-Motorradhändler aus Osterholz-Scharmbeck, hatte bereits bei seinem Geschäftshaus unter Beweis gestellt, dass Eigenenergieversorgung in der Praxis funktioniert. Als überzeugter Verfechter nachhaltiger Energiekonzepte wagte er den nächsten ambitionierten Schritt: die Umsetzung eines nahezu energieautarken Mehrfamilienhauses. Das resultierende Projekt im KfW 55 Standard beherbergt sieben Wohneinheiten auf einer Nutzfläche von 890 Quadratmetern und demonstriert eindrucksvoll, wie moderne Energietechnik auch im Geschosswohnungsbau erfolgreich implementiert werden kann.

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Honda-Händler Wellbrock steigt auf erneuerbare Energie um

Die 1978 erbaute Villa umfasst rund 700 Quadratmeter Nutzfläche. Allein der Keller mit knapp 400 Quadratmetern, Bühne, Regieräumen und Aufenthaltsbereichen erinnert an die goldenen Zeiten der Musikindustrie. Doch der lange Leerstand forderte seinen Tribut: undichte Dächer, Feuchtigkeit in den Wänden, veraltete Heizungstechnik. „Die Bewirtschaftung dieses Hauses wäre ein Geldgrab gewesen, wenn man es im alten Zustand einfach übernommen hätte“, sagt Dr. Steffen Klabunde, der heutige Eigentümer.

Er entschied sich bewusst für dieses Anwesen – auch aus Begeisterung für die Geschichte des Hauses. Aber von Anfang an war klar: Ohne eine konsequente energetische Transformation würde die Immobilie nicht zukunftsfähig sein. 

„Ich will mit konventioneller Stromerzeugung nichts mehr zu tun haben“, erklärt Wellbrock seine Motivation. „Diese unnütze Kohleverbrennung halte ich für Schwachsinn – ich versorge mich lieber selber.“ Diese klare Haltung spiegelt sich in der konsequenten technischen Umsetzung wider, die Laudeley Betriebstechnik für das Projekt entwickelte.

Die technische Lösung im Detail

Das Energiekonzept basiert auf einer durchdachten Kombination verschiedener Erzeugungstechnologien. Eine 30 Kilowatt-Peak Photovoltaikanlage in optimierter Ost-West-Ausrichtung bildet das Rückgrat der solaren Stromerzeugung. Ergänzt wird diese durch ein Blockheizkraftwerk mit 5,2 Kilowatt elektrischer und 12 Kilowatt thermischer Leistung, das insbesondere in den sonnenarmen Wintermonaten für kontinuierliche Energieversorgung sorgt. Für Spitzenlasten steht zusätzlich ein 38-Kilowatt-Spitzenlastkessel bereit, während ein 1.500-Liter-Pufferspeicher mit integriertem PV-Heizstab überschüssige Solarenergie thermisch nutzbar macht.

Die Energiespeicherung erfolgt über zwei E3DC S10E Pro Hauskraftwerke im sogenannten Farming-Betrieb, die zusammen 39 Kilowattstunden Speicherkapazität bereitstellen. Das intelligente Energiemanagement optimiert dabei kontinuierlich die Eigennutzung der produzierten Energie und berücksichtigt sowohl die aktuellen Verbrauchsmuster als auch Wetterprognosen. Die modulare Bauweise ermöglicht dabei jederzeit eine bedarfsgerechte Erweiterung der Speicherkapazität.

Innovative Lösungen für Elektromobilität

Besondere Aufmerksamkeit galt der Integration der Elektromobilität in das Gesamtkonzept. Zwei E3DC Wallboxen Easy Connect ermöglichen das gleichzeitige Laden mehrerer Fahrzeuge, wobei ein automatisches Lastmanagement für bis zu sieben Fahrzeuge eine optimale Verteilung der verfügbaren Energie gewährleistet. Im Sommer stehen bis zu 30 Kilowatt Spitzenleistung für direktes Laden zur Verfügung, während über die Speicher ganzjährig mindestens 18 Kilowatt Dauerleistung bereitgestellt werden können.

Wolfgang Wellbrock selbst nutzt bereits ein Honda Elektroauto, das er mit selbst produziertem Strom für umgerechnet nur 1,50 Euro pro 100 Kilometer betreibt. Das System ist dabei so konzipiert, dass es problemlos die komplette Elektrifizierung aller Bewohner verkraften kann, ohne dass Eingriffe in die Netzanbindung erforderlich werden.

Durchdachtes Zähler- und Abrechnungskonzept

Eine der größten Herausforderungen bei Energiekonzepten in Mehrfamilienhäusern liegt in der rechtssicheren Abrechnung der selbst erzeugten Energie. Laudeley Betriebstechnik entwickelte hierfür ein innovatives Messkonzept, das auf einem Messstellenbetreiberwechsel basiert und eine klare Trennung der verschiedenen Energieströme ermöglicht.

Das abrechnungsrelevante Zählersystem umfasst vier zentrale Messpunkte: den Lieferungs- und Bezugszähler gegenüber dem Netzbetreiber, einen Abgrenzungszähler zur Trennung von BHKW- und PV-Erzeugung sowie separate Erzeugungszähler für Photovoltaik und Blockheizkraftwerk. Ergänzt wird dieses System durch individuelle Wohnungszähler für jede der sieben Einheiten plus einen Zähler für den Allgemeinstrom. Die jährliche Ablesung erfolgt direkt durch den Vermieter, wodurch komplizierte Bürokratie vermieden wird.

 

Der Vergleich mit einem ähnlichen Wärmepumpen-Projekt verdeutlicht die Stärken des gewählten Konzepts. Während beide Systeme etwa 30 bis 33 Euro monatlich für die Wärmeversorgung kosten, bietet das Blockheizkraftwerk entscheidende Zusatznutzen. Die kontinuierliche Stromproduktion ermöglicht gerade in den Wintermonaten eine hohe Autarkie, während die geringere Netzbelastung durch den 63-Ampere-Hausanschluss mehr Flexibilität für die Elektromobilität schafft.

Dr. Andreas Piepenbrink von E3DC erklärt die Funktionsweise des automatischen Lastmanagements: „Bei fünf Autos sind es 6 Ampere pro Fahrzeug, bei drei Autos 10 Ampere. Vollautomatisch, ohne dass der Betreiber etwas machen muss.“ Diese intelligente Verteilung maximiert die Nutzung der selbst erzeugten Energie und minimiert gleichzeitig die Belastung des öffentlichen Stromnetzes.

Ein besonderer Vorteil des gewählten Systems liegt in seiner Erweiterbarkeit. Das sogenannte Infinity-Konzept ermöglicht die nachträgliche Installation zusätzlicher Batteriemodule, ohne dass komplexe Systemeingriffe erforderlich werden. Die Farming-Technik erlaubt eine beliebige Erweiterung der Speicherkapazität, wobei sogar verschiedene Batterietypen integriert werden können. Qualifizierte Fachbetriebe können solche Erweiterungen selbstständig durchführen, ohne dass ein Serviceeinsatz des Herstellers erforderlich wird.

Diese Flexibilität ist besonders wichtig, da sich die Anforderungen an Energiespeicher mit der fortschreitenden Elektrifizierung der Mobilität kontinuierlich ändern. Jede selbst produzierte Kilowattstunde ist im Elektroauto im Vergleich zum Benziner zwischen 50 und 60 Cent wert, was die hohe Wertschöpfung der Eigenenergieproduktion unterstreicht.

Trotz des Gasbezugs für das Blockheizkraftwerk ist die CO₂-Bilanz des Gebäudes deutlich besser als bei konventioneller Versorgung. „Nur Eigenerzeugung ist Klimaschutz“, betont Dr. Piepenbrink. „Das BHKW hilft im Winter für Komfortstrom und Elektroautos, keinen deutschen Kohlestrom zu verwenden.“ Die hohe Effizienz der Kraft-Wärme-Kopplung in Verbindung mit dem 99-prozentigen Autarkiegrad führt zu einer erheblichen Reduktion der CO₂-Emissionen gegenüber der Vollversorgung aus dem öffentlichen Netz.

Aus Erfahrung weiß ich genau, was ich bauen muss. Ich weiß einfach, dass das geht“, fasst Holger Laudeley seine Herangehensweise zusammen. Diese Expertise umfasst nicht nur die technische Dimensionierung, sondern auch die rechtssicheren Zählerkonzepte und die langfristige Betreuung der Anlagen.

Das Unternehmen bietet dabei Komplettlösungen von der initialen Planung bis zur laufenden Abrechnung und verfügt über bewährte Konzepte für die rechtssichere Umsetzung von Mieterstrommodellen. Die individuelle Dimensionierung erfolgt dabei stets nach dem spezifischen Bedarf des jeweiligen Objekts, ergänzt durch eine langfristige Betreuung und Wartung der installierten Technik.

Das Mehrfamilienhaus Wellbrock demonstriert eindrucksvoll, dass energieautarke Versorgungskonzepte auch im Geschosswohnungsbau technisch realisierbar und wirtschaftlich attraktiv sind. Mit über einer Million Mehrfamilienhäusern in Deutschland, die für eine Eigenenergieversorgung geeignet wären, zeigt dieses Projekt den Weg für eine dezentrale und nachhaltige Energiezukunft auf.

 

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